Ein Aufklärungsbuch aus den 60ern
03.01.2016
· Feuilleton
· 5 min
„Eltern! Erzählen Sie Ihren Kindern aus diesem Buch. Geben Sie es Ihren Schulkindern zum Lesen! Besser heute als morgen. Es kann für diese Information nie zu früh, aber es kann schnell zu spät sein.“
So leitet die Binde aus Papier um den Umschlag dieses wunderbare Werk von Dr. med. Robert P. Odenwald ein. Wer dieser Herr Dr. Odenwald genau ist, sagt das Buch hingegen nicht. So ist er weder der amerikanische Originalautor, noch der Übersetzer; der Verlag ist ihm nicht klar namentlich zuzuordnen und als Herausgeber wird er auch nirgends erwähnt. Auf Google ist er auch nur im Zusammenhang dieses Buches zu finden.
Doch das soll uns hier nicht weiter stören. Das Buch bringt in Form einer Erzählung für Kinder zu Beginn ihrer Pubertät alles zur Sprache, was sie zum Thema geschlechtliche Aufklärung wissen wollen und vermittelt ein „klares und frohmachendes Wissen über die eigene Zukunft“, so eine im Buch abgedruckte Rezension der „Frau und Mutter“. Ganz wichtig: Es werde auch wert auf die Bindung des menschlichen Lebens an Gott und auf die richtige katholische Sinndeutung eingegangen, so andere Rezensenten. Und in der Tat, bereits der zweite Absatz der Einleitung stellt klar: „Die Bibel erzählt: Gott schuf den Menschen, – als Mann und Frau schuf er sie.“ Und da sich Adam und Eva gemäß Gottes Auftrag fruchtbar vermehrten, leben heute „über drei Milliarden Menschen auf der Erde.“
Warum die Diskussion zur Flüchtlingskrise so kompliziert ist
01.01.2016
· Politik und Gesellschaft
· 4 min ·
Es war das Jahr der Krise. Was Dieter Nuhr schon für 2009, das Jahr der Banken- und Finanzkrise gesagt hat, trifft auch auf dieses Jahr zu. Und wir wären ja gut bedient, wenn es nur eine Krise gewesen wäre. Noch diesen Sommer haben wir uns über einen ausgestreckten Mittelfinger im Ersten Deutschen Fernsehen gestritten, als sei die Schuldenkrise eines kleinen Staates am Mittelmeer unsere größte Sorge. Oder der davor (und immer noch) dahinschwelende BND- bzw. NSA-Skandal, oder die Verstrickungen um den Nationalsozialistischen Untergrund.
Und während wir uns eben, im Herbst, noch um den großen, (immer noch) nicht abreißenden Strom von Flüchtlingen Richtung Europa und Deutschland gesorgt haben, hat sich das Krisenrad schon wieder weitergedreht: Schließlich muss mal wieder die Klimakrise gelöst und, wichtiger noch, Krieg gegen den Terror geführt werden.
Unsere Gesellschaft dauerhaft am größten prägen wird allerdings die Flüchtlingskrise. Und obwohl die Debatte zur Flüchtlingssituation inzwischen nicht mehr mit der Härte und Öffentlichkeit geführt wird, so hat sie doch ein großes Problem: Sie liegt und lag schon immer in der Vergangenheit; wir haben sie schon seit Jahren verpasst.
Ich muss gestehen, ich bin ein Kind der Kanzlerschaft Merkels. Natürlich wurde ich schon unter Kohl geboren und bin zu Zeiten Schröders zur Grundschule gegangen, aber wer interessiert sich schon als unter 10-jähriger wirklich für Politik?
Von Schröders Kanzlerschaft erinnere ich mich tatsächlich nur noch an eine grauenhafte Radio-Parodie auf die Meolodie des Ketchup-Songs („Aserejé ja deje“, besser bekannt als „I said a He, Ha, Hehe!“) mit dem vollmundigen Text „Ich erhöh’ euch die Steuern / gewählt ist gewählt, ihr könnt mich jetzt nicht mehr feuern…“. Blickt man heute auf diesen Altkanzler zurück, steht sein Werk in zweifelhaftem Licht. Irgendwie ist keiner in der SPD wirklich mit Hartz IV oder der Agenda 2010 zufrieden, die zwar nicht so sozial waren, wie es der Parteiname vermuten lässt, aber Deutschland immerhin souverän durch die Wirtschaftskrise ab 2010 gebracht haben. Außerdem arbeitet er jetzt bei dem russischen Energieversorger Gazprom – ein Untertan Putins, das geht ja wohl mal gar nicht!
Ordentliche Altkanzler bei uns werden moralische Instanz und Herausgeber einer politisch unabhängigen Wochenzeitung! Dann werden sie gefeiert und dürfen trotz Rauchverbot noch Jahre später im öffentlich-rechtlichen Fernsehen qualmen. Wie Helmut Schmidt.
Dieses Wochenende bin ich mit der S-Bahn von Karlsruhe nach Heidelberg gefahren. Nachdem man die Abfahrt erst von Gleis 7 auf Gleis 10, und dann ohne Ankündigung an Gleis 10 weiter auf Gleis 12 verlegt wurde, war mir klar, dass diese Fahrt etwas besonderes wird. Auf dem Weg zum tatsächlichen Gleis (das schon außerhalb der eigentlichen Bahnhofshalle war) lief knapp hinter mir ein leise vor sich hinfluchender Mann. „Das können die nicht machen; was denken die sich eigentlich“ war der Grundtenor seines Fluchens, gespickt mit der Betitelung der Menschen, die das Gleis wahrscheinlich wegen verspäteter Züge verlegen mussten, unter anderem als „die Idioten“.
Die S-Bahn war voll. Und während ich einen Sitzplatz gefunden hatte, an dem ich auch bequem meinen Rucksack abstellen konnte, stellte sich besagter Mann in den Gang neben mir. Sein stilles Fluchen setzte sich fort und bezog sich im Folgenden auf die Menschen, die an ihm vorbeigehen wollten. Hauptsächlich waren das Menschen, denen man einen Migrationshintergrund unterstellen würde. So gingen seine Flüche dieses Mal in Richtung der „Ausländer“, was die sich eigentlich denken würden. Und überhaupt. Dabei erntete er gemischte Blicke aus den Reihen der auf den angrenzenden Plätzen Sitzenden.
Ich möchte den Mann an dieser Stelle kurz beschreiben: Dass er Ende 50 ist, erkennt man an den Falten auf seiner Stirn, die er ziemlich sicher auch daher hat, dass er seine Augenbrauen ständig grimmig zusammenzieht. Seine Halbglatze wird umrandet von 5 cm langen Haaren, die nahtlos in den ebenso langen Bart übergehen. Er trägt eine helle Jeans und einen hellblauen, schon etwas verwaschenen Pullover, die Ärmel hochgekrempelt. Links eine Uhr, rechts drei Armbänder: Eines mit größeren, bunten „Edel“steinen, ein silbernes, eines aus braunem Leder. Dazu an 5 der insgesamt 10 Finger insgesamt 8 Ringe, jeweils ausgefallen und ebenfalls mit großem und nur subtil weniger buntem Zierschmuck.
Hinter Bruchsal wurde der Platz mir gegenüber im Viererabteil frei und der Mann setzte sich zu mir und begann ein Gespräch. Ja, er hat mir manchmal ein bisschen Angst gemacht. In den Momenten, in denen er sich zu weit zu mir rübergebeugt hat; über den Laptop, auf dem ich bereits angefangen hatte, diesen Text zu schreiben. Aber mehr noch mit dem, was er manchmal unterschwellig gesagt hat.
In weiten Teilen hat er auch normale Dinge erzählt: Dass er aus Bayern komme, jetzt in Heidelberg wohne. Wo ich hinwolle. Ja, Heidelberg sei eine sehr schöne Stadt. Der ganzen Region ginge es ja gut. Eine schöne Altstadt habe Heidelberg. Und dann kam der Unterton: Ein Flüchtlingsdrehkreuz habe man auch. In einer alten Kaserne etwas außerhalb, betrieben von privat. Und er habe gelesen, das würde in der Nachbarschaft für Probleme sorgen. Nicht dass ich ihn falsch verstünde, er habe ja nichts gegen Flüchtlinge. Aber da läge ja einiges im Argen. Ja, natürlich müsse man die irgendwo unterbringen. Aber die Regierung habe da einiges verschlafen. Und irgendwo hat er Recht.
Ich schreibe auf meinem Laptop weiter am Text. Wie lange ich denn am Tag so an dem Ding arbeiten würde. Länger, jetzt in der Klausurphase. Für ihn sei das ja nichts. Ich erwidere, als Informatikstudent habe man sich da sehr grundsätzlich dafür entschieden. Er lacht. Es gebe viel IT hier im Ländle. Ich frage ihn, ob er sich wirklich sicher ist, dass Karlsruhe und Heidelberg zum „Ländle“ gehören, dass doch eher das Land der Schwaben bezeichnet. Nein nein, das sei schon richtig so.
Die Bahn ist recht voll. Auf dem Platz neben mir steht nur mein Rucksack. Eine gerade zugestiegene Frau bittet mich darum, aufzurücken. „Junge! Rück mal…“, sagt sie, auf meinen Rucksack zeigend, mit leichtem osteuropäischen Akzent. Der Mann wirft ihr einen bösen Blick zu und sagt zu mir: „Unhöflich. Bleib sitzen.“ Die Frau hat es sich anders überlegt, geht kommentarlos weiter und setzt sich in das nächste Viererabteil. Der Mann murmelt „Fotze“ in seinen Bart.
Wir sind in Heidelberg angekommen und ich bin froh, aussteigen zu können. Er wünscht mir noch einen schönen Tag; die anderen Fahrgäste gucken mich etwas verwirrt an. Ich steige aus.
Inzwischen bin ich auf dem Rückweg. Es ist weit nach Mitternacht und dank Verspätung der Bahn kann ich nochmal eine Stunde auf meinen Nightliner nach Hause warten. Ich versuche zu reflektieren, was da heute Nachmittag in der Bahn passiert ist. Was das für ein Mensch war. Repräsentativ für unsere Gesellschaft ist er vielleicht nicht. Aber vielleicht ist er offener und spricht aus, was viele andere nur denken. Kein anderer hat ein Wort mit ihm gewechselt, und man hat ihm angemerkt, dass er froh war, dass ich ihm zumindest ein bisschen zugehört und geantwortet, vielleicht (hoffentlich) auch ein bisschen widersprochen habe. Gemessen an seiner Reaktion erlebt er so etwas offensichtlich seltener.
Vielleicht ist das der Fehler unserer Gesellschaft.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Monat einer der wichtigeren war, was politische Entscheidungen zum Internet angeht. In weiten Teilen überschattet von der Flüchtlingskrise, die täglich die Nachrichten füllt, waren die im Folgenden ausgeführten Ereignisse nur eine so kurze Randnotiz, dass die Süddeutsche einem der Themen einen Artikel unter dem Titel „Dieses Thema interessiert Sie nicht – sollte es aber“ veröffentlichen musste. Netzpolitik ist abstrakt, irgendwo ungreifbar und man glaubt als einfacher Bürger, wenig Einfluss auf sowohl die großen Internetkonzerne als auch die Politik haben zu können. Dass das nur bedingt stimmt, zeigt gleich der erste Teil.
Alle im Folgenden höchstens kurz behandelten Themen sind für sich genommen so interessant und ausführlich, dass man zu jedem einzelnen einen Text schreiben könnte, der die Länge dieses hier bei weitem übersteigt – und Journalisten und Blogger haben genau das getan. Ich empfehle jedem, sich selbst zu informieren. Dieser Artikel verzichtet absichtlich auf Quellen. Wir haben ein freies Internet: Wenden Sie sich einfach an die Suchmaschine Ihres geringsten Misstrauens und recherchieren Sie!
Das Internet ist ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft und unseres Alltags geworden. Wir sollten seine Belange nicht ignorieren.