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Dante und der Nahostkonflikt

„Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.”

– Dante Alighieri, Göttliche Komödie, 1321

Dieses Zitat würden beide Parteien im Nahost-Konflikt wohl so unterschreiben, und in der Tat umreißt es die Wahrnehmung des Nahost-Konflikts auf den ersten Blick sehr gut, nämlich aus drei Gründen:

I

Es scheint nur möglich zu sein, eine der beiden Seiten uneingeschränkt zu unterstützen. Seien es jetzt islamische Hassprediger, die die Vernichtung aller zionistischen Juden von durchaus breiteren Massen unterstützt ungestraft fordern, oder die Israel Defence Forces, die auf Facebook von zehntausenden gelikte Fotos über Statistiken posten, wie viele von Terroristen als Deckung benutzte Wohnhäuser doch zerstört wurden, nachdem man die zivilen Bewohner per SMS gewarnt hatte. Außerdem (wahrscheinlich gerade in Deutschland) beliebt: „Die Israelis müssen sich doch verteidigen dürfen“ und „Wenn wir Israel nicht unterstützen, sind wir schlimmer als Hitler“, aber auch „Die armen Palästinenser werden von Israel voll fertig gemacht, für diese Menschenrechtsverletzungen muss Israel zahlen“.

Beide Seiten haben Anhänger, die davon überzeugt sind, die uneingeschränkte Wahrheit für sich gepachtet zu haben und gegen alle anderen verteidigen zu müssen. Am schlimmsten trifft es dabei diejenigen mit einer differenzierten Meinung zwischen den Extremen sowie Neutrale, die von allen als „Feind“ angesehen werden.

II

Es scheint um einen zutiefst religiösen Krieg zu gehen. Der ganze Nahost-Konflikt ergibt sich aus den Angriffen der bösen Muslime, die von Israel unterdrückt werden und daher die Juden vernichten wollen, beziehungsweise aus den großflächigen Militärattacken der Soldaten des jüdischen Staates, der gegen Terrorangriffe von Muslimischen Extremisten verteidigt werden muss.

Dem Märtyrer aus den eigenen Reihen und Sieger winkt das Paradies, dem Verlierer und allen anderen die Hölle.

III

Das passende Zitat oben scheint von Dante zu sein, dem großen italienischen Dichter, der heute noch für seine Wertvermittlung berühmt ist. Dan Brown verwendet es als Einstieg und Leitmotiv zu seinem Thriller „Inferno“, der sich um Dante dreht.

Eigentlich stammt das Zitat jedoch von J.F. Kennedy, der Dante subtil falsch versteht, um ihn für Propaganda im eigenen Sinne zu nutzen. Nämlich interessanterweise, um in Deutschland für die Gründung des Entwicklungsdienstes („Peace Corps“) zu werben, dessen amerikanisches Pendant explizit die Aufgabe hat, amerikanische Werte zu vermitteln.

Fazit

Was also tun, wenn um einen herum hauptsächlich Meinungen statt Fakten kursieren und zwischen Schein und Sein eine überdurchschnittlich große Diskrepanz herrscht?

Es wird endlich Zeit, dass die Zwischentöne stärker betont werden, auch wenn das schwer ist und laute Propaganda irgendwie dem Konzept der differenzierten Zwischentöne widerspricht. Dazu ist es wichtig, dass auch in den Nachrichten eben nicht nur Bilder beider Extreme gezeigt werden, Militärführer, Hassprediger, Bombeneinschläge, gewalttätige Demonstranten, sondern eben auch moderate Kräfte, die sich auf beiden Seiten für eine friedliche Lösung des Konflikts einsetzen – auch wenn sich blutige Nachrichten mitunter besser verkaufen.

Außerdem sollte sich jeder, der seine Meinung zu dem Thema äußern will, erst mal mit dem geschichtlichen Hintergrund auseinandersetzen. Was im Nahen Osten stattfindet, ist eine Gewaltspirale, die ihren Anfang in der Gründung des Staates Israel genommen hat. Erst jetzt kann man überlegen, ob der Konflikt religiös, ethnisch oder territorial begründet ist. Erst jetzt kann man beginnen zu überlegen, wer ursprünglich die Schuld trägt, Palästinenser, Israelis oder die Vereinten Nationen, die den Staat gründen wollten. Wahrscheinlich von allem etwas.

Was wir momentan erleben, ist ein Krieg mit Waffen, aber auch in größerem Maße als bisher ein Krieg mit Medien.

Daher ist es umso wichtiger, Meinungen zu hinterfragen und zu versuchen, so gut es geht die Tatsachen herauszufinden, um sich selbst eine fundierte Meinung bilden zu können – differenziert und frei von Beeinflussung.

Weblinks


Ebenfalls erschienen im Neologismus 14-07

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