
Im Flugzeug
Gestern bin ich zum ersten Mal ganz alleine geflogen. Natürlich ist mir klar, wie Fliegen funktioniert – schließlich habe ich das schon häufiger gemacht. Aber eben immer zusammen mit Familie oder Freunden. Diesmal musste ich alleine das Shuttle zum Keflavík International Airport nehmen, um das kalte Island in Richtung des heißen Deutschlands zu verlassen. Gestern Abend klang es noch wie eine sehr angenehme Sache, mal mehr als 13 bis 17 Grad Außentemperatur zu haben; jetzt jedoch sehe ich das ganze subtil anders...
Aber zurück zu gestern: Es war ein Nachtflug, so dachte ich zumindest, Start nach Mitternacht Ortszeit, Landung früh morgens in Deutschland. Die obligatorischen 2 Stunden vor Abflug am Flughafen habe ich dann mit dem Aufarbeiten der Ereignisse in Griechenland der letzten Tage (man verpasst im Urlaub ja echt einiges) und der Überlegung, ob die Corioliskraft das Flugzeug bei seinem Weg in das südöstlich gelegene Deutschland unterstützt (ja, eigentlich schon), verbracht.
Ein Nachtflug war es dann irgendwie nicht – mehr so ein Ritt auf der Morgenröte, 3 Stunden und 15 Minuten Sonnenaufgang. Mit einer Laugenstange um 4 Uhr deutscher Zeit; und zum Gebäck wurden Getränke serviert.
Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich offensichtlich mit einer Gruppe Senioren unterwegs war, die schon bei der Sicherheitskontrolle kein Englisch gesprochen haben, für den Metalldetektor ihre Hosenträger ausziehen mussten, volle Wasserflaschen im Handgepäck vergessen haben, aber alles in allem ohne Ironie eine echt nette Reisebegleitung waren. Und die (Achtung, relevant) sehr traditionsbewusst im Flugzeug alle Tomatensaft getrunken haben.
Das ist ein Brauch, den ich so zwar kenne, aber nie miterlebt habe und doch irgendwie immer recht obskur fand. Vor allem: Was ist das bitte? Dieses Wasser, was beim Tomatenschneiden immer raustropft? Will man das trinken? Und dann hat die sehr freundliche Stewardess immer gefragt: „Salz und Pfeffer dazu?“ Zu einem Saft?
Ich habe also beschlossen: Die Gelegenheit ist günstig, Du nimmst jetzt so einen Tomatensaft. Mit Pfeffer und Salz. Und einem Wasser, falls das ganz grausam wird. Und dann habe ich probiert. Man reichte mir also einen Plastikbecher gefüllt mit einer grellroten Flüssigkeit etwa von der Dickflüssigkeit von Bratensoße und einem Stäbchen zum Rühren drin, daneben ein kleines Päckchen mit Salz und Pfeffer, getrennt voneinander. Soso. Und wie trinkt man das jetzt? Beobachten der Nachbarn zeigt: Einfach so.
Und das Geschmackserlebnis ist… naja, ähnlich wie Tomatensoße. In kalt. Und etwas süßer. Wahrscheinlich auch etwas wässriger, ist ja schließlich Saft, nicht Soße. Und doch geschmacklich sehr ähnlich. Nach den ersten paar Schlücken die gesamte Menge Salz und Pfeffer einzurühren erwies sich als Fehler, es wurde doch sehr salzig.
Ich habe meinen Sitznachbarn gefragt, warum er sich Tomatensaft bestellt hätte. Das gehöre halt dazu, war die etwas ernüchternde Antwort. Wikipeida wusste (offline auf meinem Smartphone): Das scheint tatsächlich irgendwo die richtige Antwort zu sein. Nirgends ist Tomatensaft so beliebt wie in Flugzeugen. Ob das jetzt wirklich daran liegt, dass der niedrigere Kabinendruck das Geschmackserlebnis verändert, oder daran, dass der Tomatensaft den Appetit lindert, kann ich nicht bestätigen und werde ich auch nicht nachprüfen.
Ich weiß ziemlich sicher, dass ich auf dem Boden nie Tomatensaft trinken werde. Ob ich im Flugzeug nochmal zugreifen würde, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht ist es ja ganz nett, ein kleines Ritual zum Fliegen zu haben. Wahrscheinlich bestelle ich mir beim nächsten Mal, wann immer das sein wird, aber doch wieder eine Cola.