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Die Bestimmung: Allegiant

Ein Rant

Ich hätte es ja ahnen können, bevor ich ins Kino gegangen bin. Ich hätte wissen können, dass das Studio, das schon bei Twilight und den Tributen von Panem das Wort „Trilogie“ erheblich überdehnt hat, auch vor diesem Film nicht Halt machen würde. Spätestens die von mir als Aprilscherz abgetanen Meldungen über einen Film namens „Ascendant“ in der „Die Bestimmung“-Reihe in meiner Handy-App für Kinofilme hätte mich stutzig machen sollen. Aber nein. Ich war naiv. Vielleicht habe ich an das Gute im Menschen geglaubt. Offensichtlich ein großer Irrtum. Daher jetzt dieser Text, neudeutsch „Rant“ genannt. Ich rege mich auf.

Hinweis: Allen, die Film und/oder Buch noch nicht gesehen bzw. gelesen haben, empfehle ich, diesen Text nicht zu lesen, denn ich werde überraschende Handlungselemente vorwegnehmen, neudeutsch „spoilern“.

Der Film

Nachdem ich von meinen Mit-Kinogängern also über die Zweiteilung des dritten Films informiert worden war, war mir klar, dass die mir aus dem Buch durchaus bekannte Handlung natürlich abgeändert werden musste, um daraus zwei voneinander hinreichend unabhängige Filme mit ihren eigenen Höhepunkten zu machen. Darauf, dass die Filmemacher aber so weit über ihr Ziel hinausschießen würden, war ich nicht vorbereitet. Ganz abstrus mussten Handlungsstränge und Protagonisten in Zeit und Raum verschoben werden, um die Handlung nicht mitten in der steigenden Handlung vor der Klimax1 unterbrechen zu müssen. Das ging sogar soweit, dass ich mich gegen Ende noch gefragt habe, worin jetzt der Inhalt des zweiten Teils bestehen soll – ich war schlicht davon ausgegangen, dass der Film die verbleibenden Szenen weggekürzt hat.2 Es gibt aber tatsächlich noch ein paar Kernelemente der Geschichte, die der (hoffentlich) letzte Film erzählen sollte – wenngleich mir nicht klar ist, wie man aus den verbliebenen, nicht gefledderten Handlungssträngen des Buches noch eine halbwegs konsistente Handlung zusammenbasteln kann.

Umgekehrt schien das aber auch schon bei diesem Film nicht unbedingt Ziel zu sein. So überraschte die Handlung häufiger mal mit Plotholes 3 größer als die Geldgier seiner Produzenten.

Ein schwaches Beispiel zum Einstieg: Als Four die Protagonistin Tris davon abhalten möchte, den Leiter des Büros für genetische Wohlfahrt David zu unterstützen, weil er glaubt, dass dieser sie anlügt und mit den falschen Mitteln kämpft – warum sagt er ihr nicht einfach, dass die Kinder nicht nur von ihren Eltern weggenommen werden, um sie aus der giftigen Umwelt zu retten, sondern dass ihnen auch noch gegen ihren Willen die Erinnerungen an ihre Familien gelöscht werden? Das würde sie verstehen, denn das gleiche Argument versteht sie auch später im Film; aber er äußert es unergründlicherweise trotz hinreichend viel Zeit nicht.

Ein schlimmeres Beispiel: Die Maschine, die in der gesamten Stadt das Gas verteilen soll, das die Erinnerungen aller Bewohner löscht, wird (im Gegensatz zum Buch) nicht nur ausschließlich aus der Stadt kontrollierbar angelegt, obwohl der einzige Einsatzzweck der Anlage die Verwendung von außen ist; nein, sie wird auch noch im Hauptquartier der Ken (englisch Erudite) untergebracht, die in den ersten beiden Filmen als die Bösen aufgetreten sind und trotzdem diese Masterwaffe nie verwendet oder auch nur erwähnt haben.

Daneben gibt es eine übertriebene Anzahl an zufällig exakt passenden Gegebenheiten. So zum Beispiel die einzige Möglichkeit, die im vorigen Absatz besprochene Maschine wieder abzuschalten: Man muss einen Verteilerknoten zerstören. Gut, denkt sich der naive Kinobesucher, auf Basis dieser Hologramm-Karte ist dieser Verteiler mal mindestens drei Blöcke weiter und irgendwo unterirdisch. Der Entdecker des Verteilers sagt selbst: „Wie sollen wir da nur hinkommen?“ Aber nein, die Lösung ist ganz einfach, oder wie die Protagonisten, die bis dahin nie in dem Hochhaus war, in dem die Steuerung der Maschine steht, es ausdrückt: „Ich weiß, wie wir da hin kommen!“ Man öffnet, im gefühlt hundertsten Stock einfach eine Bodenluke unter einem Metallgitter, steigt 2 Meter Leiter herunter und dann am Ende des Korridors links steht dieser Verteiler. Hallo!? Wollt ihr mich verarschen!?

Oder der Zug, ganz zufällig4 gerade so vorbeifährt, dass er die fliehenden Helden von den Bösewichten abschneidet! Oder… Man kann einfach zu viele Dinge hier nennen.

Die digitalen Effekte überzeugen auch nicht immer wirklich. Streckenweise war ich versucht, mein Handy aus der Tasche zu holen, nur um es klingeln zu lassen und laut zu rufen: „Die 90er haben angerufen, sie wollen ihre Visual Effects zurück!“ So gibt es diesen Moment, in dem die Protagonistin von einer reinigenden Schleimschicht umhüllt wird, die aber eher wie Ektoplasma der Ghostbusters aussieht. Oder die „Plasma-Hüllen“, die die gerade vom Militär aufgegriffenen Helden vor der giftigen Umwelt schützen sollen, die nicht nur wie eine schlecht animierte, überdimensionierte Seifenblase mit Menschen drin aussehen, sondern obendrein fliegen können.

Überhaupt scheint „Fliegen“ eine Haupteigenschaft in dieser Zukunft zu sein. Was futuristisch ist, muss offensichtlich fliegen. Von untertassenförmigen und -großen „Drohnen“ über einen Aufzug, der wie ein gläserner Frachtcontainer aussieht, bis hin zu weiten Teilen des Stützpunktes des Büros für genetische Wohlfahrt. „Ist es cool?“, fragt der Regisseur den zweifelnd guckenden, aber verängstigten Visual Effects Artist. „Dann muss es fliegen!“

Aber der Film hat auch sein Gutes! Teilweise strotzen die Szenen vor fast Slapstick-artigen Elementen und Details: So fliegt der Autopilot das Flugzeug mit David und Tris an Bord zur einzigen von genetisch reinen Menschen bewohnten Stadt, die laut dem Film „Providence“ heißt,5 doch wird auf dem Bildschirm unbeabsichtigt ulkig „Pure City“ als Ziel angezeigt. Außerdem kommt er komplett ohne die Namen der Fraktionen aus, die in den ersten beiden Teilen ja von größerer Relevanz waren. Das finde ich, der ich das Buch auf Englisch gelesen habe, persönlich sehr gut, da mich die deutschen Übersetzungen ihrer Namen bei den vergangenen Teilen immer zu sehr lautem Lachen gebracht haben, was im Kino dann doch peinlich gewesen wäre.

Aber letzteres ist auch schon ein Problem der Romanvorlage. Und gerade im dritten Teil der Serie nicht ihr einziges.

Das Buch

Ganz grundsätzlich kämpft das dritte Buch mit seiner Erzählstruktur. Waren die ersten beiden Bände noch komplett aus der Ich-Perspektive der Protagonistin Tris geschrieben, wird nun plötzlich kapitelweise (zufällig) zwischen Tris und ihrem Freund Four gewechselt. Als Leser verliert man dabei schnell den Faden. Leider scheint das nötig zu sein, da Tris am Ende des Buches stirbt6 und die Autorin offensichtlich noch circa 30 Seiten Ausklang nach ihrem Tod schreiben möchte. Außerdem passt es in die Marketing-Strategie, da ein viertes Buch verschiedene Geschichten aus Sicht von Four als Ich-Erzähler nochmal wiedergibt – das muss sich ja auch verkaufen.

Darüber hinaus bricht der dritte Teil mit der Grundproblematik der ersten beiden Bände: Ging es in Divergent und Insurgent noch um den Konflikt zwischen den Fraktionen innerhalb der Stadt, ob einzelne Fraktionen besser sind (und wenn ja welche), und ob das System so überhaupt sinnvoll ist, angesichts der Fraktionslosen und der Unbestimmten (im Englischen den Divergent), ist in Allegiant der Konflikt plötzlich einer, auf den die Vorgänger nicht im Geringsten hingearbeitet haben: In der Welt außerhalb der Stadt kämpfen jetzt die genetisch reinen gegen die genetisch defekten Menschen – mit einem großen Problem: Konnte man sich noch in den ersten Büchern damit anfreunden, dass die Lösung möglichst umfassende Gleichberechtigung ist, da alle Fraktionen sowie die Fraktionslosen sowohl positive als auch negative Eigenschaften in gleichem Maße haben, spricht nun scheinbar wissenschaftliche Evidenz gegen solch eine Gleichheit. Man sollte an dieser Stelle beachten, dass wir die Handlung ja aus der Sicht von zwei Personen erzählt wird, die die Gleichstellung von Reinen und Defekten für richtig und wichtig halten, und das auch häufig genug betonen. Trotzdem schafft es das Buch, es so darzustellen, als wäre rein objektiv die praktizierte Trennung richtig, weil die genetisch Defekten wirklich in ihren extremen Charaktereigenschaften schlechtere Menschen sind. Es wirkt so, als würden sich Tris und Four wider besseres Wissen auf einen für die Welt zerstörerischen Pfad einlassen. Und das ist so paradox, weil es für mich die Hauptcharaktere, die bislang sehr vernünftig gehandelt haben, plötzlich absolut irrational und somit unglaubwürdig macht.

Man kann jetzt natürlich versuchen zu argumentieren, die übergreifende Fragestellung aller drei Bücher sei eine andere: Gibt es Charaktereigenschaften, die einen Menschen wertvoller machen?7 Das stimmt und ist auch eine interessante Frage, die in den ersten beiden Büchern meiner Meinung nach sehr gut bewertet und beantwortet wird;8 es spielt allerdings letztendlich dennoch in meine Hand: Der dritte Teil fragt nämlich nicht nach Art, sondern Ausmaß der Charaktereigenschaften, also ob extreme Charaktereigenschaften wirklich schlechter sind als weniger extreme, ausgewogene. Und da bringt mich das Buch durch seine Argumente und die Art, wie sie mir vorgestellt werden, dazu zu glauben, dass die Aussage stimmt. Obwohl die Ich-Erzähler komplett gegenteiliger Meinung sind.

Und dadurch wird das Ganze auf zwei Ebenen fies. Einerseits auf der Ebene des Buches, in der doch eigentlich eine sinnvolle Lösung gefunden werden sollte. Die Lösung, die das Buch mir vorschlägt, scheint das nicht zu sein – hinreichend viel spricht gegen völlige Gleichberechtigung der genetisch Defekten zu den genetisch Reinen, zumal die Defekten offenbar weit in der Überzahl sind. Wirklich entmündigen will man sie jedoch auch nicht deswegen. Eine Abschottung der Defekten in die Experimente scheint deswegen auf den ersten Blick ganz sinnvoll, doch verachtet man dadurch nicht seine Humanität? Wo fangen da Menschenrechte an, wo hören sie auf? Mir fällt darauf leider keine Antwort ein.

Aber, und das ist der Sprung in die zweite, die Metaebene, dem Buch beziehungsweise seiner Autorin auch nicht. Der dritte Band bringt mit seinem Fokuswechsel ein neues und nicht uninteressantes Problem in sein fiktionales Universum. Doch er überhebt sich an dem Problem: Weder werden die beiden Seiten ausreichend dargestellt, noch wird eine Lösung als die sinnvolle hinreichend glaubwürdig dargestellt. Und das werfe ich dem Buch vor.9

Das Fazit

Die Bestimmung ist nicht die erste Romanserie, die an ihrem letzten Teil scheitert. Ich verweise an der Stelle gerne auf Die Geheimnisse des Nicholas Flamel, eine brilliant epische Hexalogie, die sich auch überhoben hat – nicht an ihrem moralischen Anspruch, sondern an ihren vielen Handlungssträngen.

Von daher bin ich, trotz der hier gefallenen harten Worte, der Letzte, der davon abraten würde, die Bücher zu lesen – es sind tatsächlich gute Jugendbücher. Natürlich springt das alles so ein bisschen auf den Die Tribute von Panem / Maze Runner-Zug von postapokalyptischen Jugendbüchern auf – aber das ist vollkommen okay als Trend unserer Zeit.10

Bei den Filmen bin ich da jedoch komplett anderer Meinung. Ein echter Fan der Serie wird sie wahrscheinlich zumindest auf DVD sehen wollen. Vom Besuch der Kinoaufführung rate ich jedoch ab. Ich für meinen Teil werde den vierten (und hoffentlich letzten) Film nicht mehr ansehen.


  1. Die Fachtermini des fünfaktigen Dramas werden hier durchaus sehr passend verwendet. ↩︎

  2. Wie man es halt mal tun muss, wenn man ein Buch adaptiert. ↩︎

  3. Unerklärlichen Wendungen, Sachverhalten, Ereignissen oder Entscheidungen von Charakteren ↩︎

  4. Wirklich, der Film meint das ernst und nicht so ironisch, wie das klingt! ↩︎

  5. Im Buch existiert sie gar nicht erst. ↩︎

  6. Was echt gewagt ist, einen Ich-Erzähler sterben zu lassen! ↩︎

  7. Ich danke an dieser Stelle Niklas für das wichtige Argument. ↩︎

  8. Mit „Nein, jeder Mensch ist individuell besonders und ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft“ – und da stimme ich absolut zu! ↩︎

  9. Warum ich solche Sachen für wichtig halte, habe ich in einem anderen Artikel beschrieben: „Was ist gute Literatur?“ ↩︎

  10. Eine genauere Betrachtung dieses Phänomens findet sich in einem Essay von Jana und mir: „Neo-Romantik“ ↩︎


Ebenfalls erschienen im Neologismus 16-04

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