Der wunderbare Lauf der Lebens
Ein Aufklärungsbuch aus den 60ern„Eltern!
Erzählen Sie Ihren Kindern aus diesem Buch. Geben Sie es Ihren Schulkindern zum Lesen! Besser heute als morgen. Es kann für diese Information nie zu früh, aber es kann schnell zu spät sein.“
So leitet die Binde aus Papier um den Umschlag dieses wunderbare Werk von Dr. med. Robert P. Odenwald ein. Wer dieser Herr Dr. Odenwald genau ist, sagt das Buch hingegen nicht. So ist er weder der amerikanische Originalautor, noch der Übersetzer; der Verlag ist ihm nicht klar namentlich zuzuordnen und als Herausgeber wird er auch nirgends erwähnt. Auf Google ist er auch nur im Zusammenhang dieses Buches zu finden.
Doch das soll uns hier nicht weiter stören. Das Buch bringt in Form einer Erzählung für Kinder zu Beginn ihrer Pubertät alles zur Sprache, was sie zum Thema geschlechtliche Aufklärung wissen wollen und vermittelt ein „klares und frohmachendes Wissen über die eigene Zukunft“, so eine im Buch abgedruckte Rezension der „Frau und Mutter“. Ganz wichtig: Es werde auch wert auf die Bindung des menschlichen Lebens an Gott und auf die richtige katholische Sinndeutung eingegangen, so andere Rezensenten. Und in der Tat, bereits der zweite Absatz der Einleitung stellt klar: „Die Bibel erzählt: Gott schuf den Menschen, – als Mann und Frau schuf er sie.“ Und da sich Adam und Eva gemäß Gottes Auftrag fruchtbar vermehrten, leben heute „über drei Milliarden Menschen auf der Erde.“
Doch bevor wir uns mit diesem zentralen Teil des Themas befassen, geht das Buch in der richtigen katholischen Reihenfolge vor. So heißt Kapitel 2 „Verlobung und Hochzeit“ und beschreibt, wie Peter und Maria, die sich schon seit der Schulzeit kennen, sich verlieben, „eine eigene Wohnung und eigene Kinder“ haben wollen und sich schließlich verloben. „Maria lernt kochen und einen Haushalt führen. Peter lässt sich zeigen, was sie gelernt hat […]“.
Nach der kirchlichen Trauung und den Flitterwochen wird das Buch überraschend modern: In der neuen, gemeinsamen Wohnung eingezogen, gehen morgens beide arbeiten. Maria halb- und Peter ganztags. Und dann, auf einmal, das Überraschende. Maria kocht ein besonderes Abendessen – Peters Leibgericht –, nutzt das gute Tischgedeck. „Peter ist überrascht. Hat er einen Feiertag vergessen? – Ihm fällt nichts ein.“ Aber nein! Maria ist schwanger.
Nun folgen tatsächlich 12 Seiten Aufklärung, wie es denn zu so einer Schwangerschaft kommt und wie die beteiligten Organe aussehen – mit „glücklich stilisierten“ (Frau und Mutter) Zeichnungen, die aber tatsächlich gut sind. Einzig um den Geschlechtsakt drückt sich das Buch lange herum:
„Wie gelangen die Samenfäden zur Eizelle im Schoß der Frau? Das geschieht durch die Liebe zwischen Mann und Frau. Gott hat den Auftrag dazu gegeben: Seid fruchtbar und mehret euch!
Menschen heiraten, weil sie sich lieben. Sie sind gern beieinander, berühren, streicheln, küssen und umarmen sich. Sie möchten sich ganz glücklich machen. Durch die Liebkosungen wird die Liebe immer stärker und lockt zur innigsten Vereinigung. Sie wollen ganz eins werden.“
Am Schluss wird aber doch beschrieben, was da passiert. Einen wichtigen Hinweis an die junge Leserschaft hält der Autor bereit: „Die Glücksgefühle und Wünsche, die Mann und Frau dazu locken, kannst du nicht verstehen, weil du sie noch nicht hast.“
In Maria wächst nun jedoch ein Kind heran. Nach dem Ausflug in die Anatomie wird wieder das Leben des glücklichen Paares beschrieben, die sich auf die Ankunft des Kindes vorbereiten.
Das nächste Kapitel, „Das Abenteuer der Geburt“ beginnt mit dem in Anbetracht der Situation sehr trockenen Satz von Maria: „Peter, unser Kind kommt bald – laß uns den Koffer packen und in die Klinik fahren.“ Denn so sagt man das offensichtlich, wenn die Wehen einsetzen. Aber „Maria trägt alle Beschwerden gern. Sie darf ja mithelfen, ihr Kind zu gebären.“ Die Geburt selbst wird mit möglichst positiven Worten unterlegt, die nach einem möglichst angenehmen Vorgang klingen sollen. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt geht es zurück nach Hause.
Und das war die erste, wesentlich spannendere Hälfte des Buchs. Danach wächst Tom, der Sohn von Peter und Maria, auf. Er lernt gehen, sprechen, kriegt eine kleine Schwester und ist dadurch kein Einzelkind mehr, die Geschwister gehen in die Schule, werden von ihren Eltern aufgeklärt. „Der wunderbare Lauf des Lebens geht weiter.“
Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem Buch um eine lustige Erzählung von inzwischen etwas angestaubten gesellschaftlichen Ideen. Sei es, dass die Reihenfolge und Konsequenz von Geld verdienen, Hochzeit und Kinder kriegen an jeder Stelle betont wird, oder dass einige Formulierungen aus heutiger Sicht sehr lustig und verquert wirken, wie zum Beispiel: „Ein Junge spielt nicht mehr an seinen Geschlechtsorganen, […] denn er will ja ein Mann werden. Ein Mann muß sich beherrschen können.“
Doch blickt man hinter diese Fassade, ist das Buch tatsächlich voller hilfreicher Tipps: Wie man sich richtig traut, was eine standesamtliche Hochzeit ist, dass man Schwangerschaftskurse besucht, dass man auf die Anweisungen des Arztes während der Schwangerschaft hört, wie die ersten Schritte des Aufwachsens von Kleinkindern so funktionieren und noch einiges mehr. Tatsächlich viele Dinge, die früher wie heute galten und gelten. Doch waren in den 60ern die nebenher transportierten Gesellschaftsbilder noch durchaus valide, sind sie es heute im Allgemeinen nicht mehr.
„Der wunderbare Lauf des Lebens“ war bestimmt ein wunderbares Aufklärungsbuch für die 60er, kann aber heute nicht mehr seinen Zweck erfüllen. Dennoch empfinde ich die Lektüre als lustig und fast irgendwie spannend, was wohl als nächstes lustiges passiert. Auf jeden Fall bietet das Buch einen interessanten und kurzweiligen Einblick in eine zumindest mir persönlich unbekannte Zeit.