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Bitcoin, die Blockchain und technologische Intuition

Oder: Der gefährliche Hype um die Kryptowährungen

Bitcoin, die inzwischen fast 10 Jahre alte digitale Währung, und die dahinterstehende Technologie der Blockchain sind aktuell auf dem Gipfel eines Hypes. Und das nicht unberechtigt: Die Idee eines digitalen Geldes ohne zentrale Instanzen, die dieses kontrollieren können (wie (Zentral-)Banken oder Regierungen), ist in der Tat verlockend. Ein Netzwerk, das Werte und ihre Weitergabe abbilden kann, ohne dass ich einem Teilnehmer vertrauen muss, ist genial. Und während es immer neue Kryptowährungen gibt (Ethereum, Iota,…) und geheime „Bitcoin-Clubs“ die neuen nigerianischen Prinzen in meinen Spam-Mails werden, sind inzwischen auch Unternehmen auf den Hype aufgesprungen und wollen alles in mindestens einer Enterprise-Blockchain abbilden. So überlegt die Deutsche Bahn etwa, Züge mittels dieser Technologie automatisch bei der Einfahrt in Bahnhöfe über eine eigene, interne Kryptowährung bezahlen zu lassen – obwohl eine einfache, zentrale Datenbank vielleicht auch ausreichen würde.

Hype

Allerdings zerfällt die Diskussion um das Thema Kryptowährungen und Blockchain aktuell in zwei große Teile: Zum einen gibt es eine technologische Diskussion: Warum wurde Bitcoin und seine Technologie erfunden, welche Probleme werden adressiert, wie funktioniert die Umsetzung, welche Herausforderungen gibt es und wie kann man diese ganz konkret angehen. Und dann gibt es noch die Diskussion, die vornehmlich von BWLern geführt wird und in der wild zusammenphantasiert wird, was mit Blockchain alles möglich sein könnte. Und weil die technologische Diskussion sehr komplex ist und gerade im Vergleich zu den potentiellen Möglichkeiten der Technologie einfach furchtbar langweilig wirkt, findet sie in der breiten Öffentlichkeit selten statt. Stattdessen wird der BWL-Perspektive das Feld überlassen, deren Themen und Argumente leider häufig ohne Fundierung in der technologischen Realität daherkommen.

So habe ich kürzlich am KIT eine Diskussionsrunde mit dem vielsagenden Titel „Blockchain oder Flopchain – unser Leben 2050“1 gehört. Auf der Bühne ein Professor Doktor der BWL (Leiter des Blockchain Center der Frankfurt School of Finance and Management), der Innovationsmanager von EnBW (ebenfalls BWLer) sowie ein Doktor für Maschinenbau und Verfahrenstechnik vom Frauenhofer Institut für System- und Innovationsforschung, der für sein intelligentes Stromnetz vielleicht irgendwie Blockchain nutzen will. Aber kein einziger Informatiker, der irgendwie wissenschaftlich und technisch fundiert wüsste, wie Bitcoin oder andere Systeme auf Blockchain-Basis funktionieren.

Das hatte natürlich Auswirkungen auf den Inhalt der Diskussion, die ohne Bindung an die Realität stattfand. Gerade der Innovationsmanager von EnBW hat in seinem Impulsvortrag absolut unreflektiert gebrainstormt, ohne dass im anschließend widersprochen wurde: Von selbstfahrenden Autos nach dem Carsharing-Prinzip, die ihr eigenes Kryptogeld besitzen um automatisch mit sogenannten Smart Contracts bezahlt zu werden und sich selbst an der E-Tankstelle aufladen können, bei denen man während der Fahrt Werbung in den Läden vor dem Fenster gucken kann, die dem Mitfahrer dann Kryptogeld dafür überweisen – und wenn man dann direkt per App bestellt, kriegt man die Lieferung per Drohne gleich bei Ankunft am Zielort.2 Von Ich-Tokens, einer eigenen Kryptowährung pro Bürger, so dass Unternehmen in mich und meine Entwicklung investieren können und ich meinen Wert direkt per App auslesen und verbessern kann. Ich muss das nochmal beteuern, ich übertreibe hier nicht!

Mal ganz abgesehen von diesen teilweise Horror-Szenarien wurden Blockchains an jeder Stelle als Wundermittel präsentiert, mit dem alles anders und besser geht als heute – ganz ohne Klärung, wie genau das funktionieren soll in einem verteilten System, in dem man Werte übertragen kann und niemandem vertraut bzw. vertrauen möchte. Kritische Fragen aus dem Publikum über grundsätzliche Probleme der Technologie wie der Verbindung zur physischen Welt3 oder die Frage der Skalierung auf mehr als nur den eingeschränkten Benutzerkreis von Kryptowährungen aktuell können dann nicht beantwortet werden – es wurde dem Publikum schlicht keine Basis vermittelt, auf der man hätte diskutieren können. Stattdessen wird abgewunken mit Aussagen wie „Ja, da wird ja gerade sehr viel Geld investiert in das Thema, und mit viel Geld wird irgendwer irgendwann das Problem schon lösen können.“

Für mich das Fazit: Dieses Panel war unsinnig, hat niemanden sinnvoll weitergebracht und war höchstens unreflektiertes Marketing.

Intuition

Allerdings wurde ich für diese Meinung auch kritisiert: Mal ganz ab von der technischen Debatte sei es ja das Ziel, die Blockchain in den Mainstream zu bringen. Und in der Tat, warum auch nicht? Es kann nicht schaden, diese vielleicht wirklich bedeutende Technologie dem „normalen Bürger“ mal näher zu bringen. Und schließlich muss man ja auch nicht jedes mathematische Detail verstehen, um die Technologie später verwenden zu können. Dieses Argument ist auch in der Diskussionsrunde gefallen, hier anhand einer Analogie: Man muss die Technologie des Internets ja auch nicht verstehen, um es zu benutzen. Allerdings halte ich diesen Vergleich für nicht ganz zutreffend, und hier muss ich ein bisschen ausholen.

Um sinnvoll über Einsatzzwecke von technischen Systemen reden zu können, sind zwei Faktoren relevant:

Nehmen wir zum Beispiel das Internet. Die Leistung ist ganz klar: weltweite Vernetzung. Was ist die Basis? Elektronische Datenübertragung. Und diese elektronische Datenübertragung ist ein greifbares Konzept: Menschen kennen Telefone, die Sprache über elektrische Leitungen transportieren können, und sind somit relativ einfach in der Lage zu sehen, dass das im Internet auch irgendwie so gehen könnte. Garantien bietet das System „Internet“ dabei quasi keine: Es ist zum Beispiel nicht garantiert, dass die Daten auf dem Übertragungsweg nur in Deutschland bleiben, auch wenn ich aus Karlsruhe die Website des Neologismus aufrufe. Um die Garantie, dass Daten ein Land nur dann verlassen, wenn der Kommunikationspartner im Ausland ist, zu dem System hinzuzufügen, muss man zusätzliche Konzepte einführen und erklären, wie Routing im Internet funktioniert. Da werden intuitiv greifbare Konzepte schon schwerer zu finden.

Ein anderes Beispiel für eine Garantie, die es im Internet an sich so nicht gibt, ist Übertragungssicherheit der Daten – jeder auf dem Weg kann mitlesen. Diese zusätzliche Leistung gibt es aber trotzdem, und zwar über die zusätzliche Technologie Verschlüsselung. Aber hier ist das Konzept wieder greifbar, auch ohne, dass man sich mit Verschlüsselung detailliert auseinandergesetzt hat. Viele werden schon in ihrer Schulzeit geheime Nachrichten auf Papierzetteln verschickt und dafür irgendeinen Code oder eine Geheimschrift verwendet haben. Das grundlegende Prinzip ist also klar, die Technologie damit intuitiv begriffen – der Fokus kann auf die Nutzung gelegt werden: Was kann man mit dem Internet so alles neues anstellen.

Ganz anders verhält sich da ein System auf Blockchain-Basis wie etwa Bitcoin. Die Leistung ist hier eine verteilte Buchhaltung in einem Netzwerk, ohne dass ich die Teilnehmer des Netzwerks kennen oder ihnen vertrauen muss. Auf welcher Basis geht das? Insbesondere durch ein ausgefeiltes Anreizsystem, dass auf schlauen mathematischen Tricks beruht. Das Problem ist hier, dass man, ohne die mathematischen Tricks zu verstehen (die leider nicht so intuitiv sind wie die Idee von Verschlüsselung), das Anreizsystem und somit die Garantien eines Blockchain-Systems nicht verstehen kann – man kann neue Nutzungsmöglichkeiten also nur sehr schwer bewerten und muss bei der Verwendung sehr vorsichtig sein.

Daher halte ich alle Veranstaltungen, die ausschließlich über potentielle Anwendungen spekulieren, ohne das System und die Technik dahinter zu erklären und zu plausibilisieren,4 für zumindest problematisch.

Lernen

Dabei gibt es eine ganze Reihe von sinnvollen Einstiegspunkten, um auch in Tiefe mehr zu erfahren. Als Start empfehle ich ein sehr gut gemachtes, etwa 26-minütiges Video des YouTube-Channels 3Blue1Brown: „Ever wonder how Bitcoin (and other cryptocurrencies) actually work?“. Mich selbst hat in den letzten Tagen dieser Artikel von Adam Ludwin im Verständnis von Kryptowährungen nochmal ein gutes Stück weitergebracht: „A Letter to Jamie Dimon – And anyone else still struggling to understand cryptocurrencies“.

So häufig inzwischen der Kollaps von Bitcoin vorhergesagt wurde ([hier etwa Anfang 2016](https://blog.plan99.net/the-resolution-of-the-bitcoin-experiment-dabb30201f7}{29. 11. 2017)), Blockchain sieht aus wie eine Technologie, die bleiben wird.

In einem Artikel über die scheinbar typisch deutsche Technik- und Mathematik-Aversie wird die Risikointelligenz-Expertin Brigitte Witzer zitiert: „Deutschland ist ein Land der Ingenieure, beim Technikthema fühlen wir uns sicher.“ Aber diese Sicherheit ist eben manchmal doch ein Trugschluss, gerade wenn Technologie nicht intuitiv greifbar ist.

Ich weiß, auf eine technischere Weise tiefer in das Thema einzusteigen, kostet ein bisschen mehr Muße als so manch spannende Träume aus der betriebswirtschaftlichen Ecke zu hören. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es sinnvoll investierte Zeit ist.


Nachtrag

Dieser Artikel wurde Ende November für den Neologismus verfasst. Bis jetzt, 11. Dezember, hat sich einiges getan, das Erwähnung finden sollte:

  1. Es hat sich eine noch ältere Quelle aufgetan, die den Untergang von Bitcoin ankündigt! Hier wird 2011 die Frage gestellt, wann denn endlich der letzte Miner seinen Rechner abschaltet
  2. Bitcoin und viele andere Kryptowährungen sind einerseits auf einem Höhenflug sondergleichen und erleben gleichzeitig starke Schwankungen. Was die neueren Projekte wie Iota (IoT) oder Yoyow (content rewards) technisch umsetzen wollen und vielleicht erreichen können, wird dafür nicht diskutiert.
  3. Dafür geht großartig die Gier um. In einer privaten Facebook-Gruppe meines Studiums wird regelmäßig auf Veranstaltungen zur Währung Platincoin hingewiesen, die als nächstes großes Ding durch die Decke ginge. Was verschwiegen wird, ist, dass diese „Währung“ weniger einer offenen, dezentralen Geldanlage, als viel mehr einem Schneeballsystem entspricht, bei dem durch Werbung neuer Teilnehmer Prämien kassiert werden können. Das hat mich zu dem wertvollen Hinweis verleitet:

Pro-Tip: Wenn Sie bei einer neuen, sagenhaft guten Krypto-Währung den Namen des „Geldes“ durch „Plastikboxen“ ersetzen und dabei das Geschäftsmodell von Tupperware erhalten, sind Sie einem Schneeballsys… pardon, einer Netzwerk-Marketing-Masche aufgesessen.


  1. Wortspiele oder die vielsagende Frage „Hype or Reality“ gehören natürlich dazu – auch wenn der „Hype“-Part später nie wirklich angesprochen wird ↩︎

  2. Wem das hier zu sehr nach dem Plot des neuen Marc-Uwe Kling-Romans QualityLand klingt – so ging es mir auch. ↩︎

  3. DB-Beispiel: Woher weiß ich denn sicher, dass der Zug im Bahnhof eingefahren ist? Da muss ich einem Sensor vertrauen. Kann ich das in jedem Fall, wenn ich den nicht wieder von einer zentralen Stelle vergebe? ↩︎

  4. Ich erwarte von niemandem, dass er die Mathematik voll versteht -- ich tue das ja selber auch nicht! ↩︎


Titelbild: Jason Benjamin (CC 0)
Ebenfalls erschienen im Neologismus 17-11

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