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Scylla und Charybdis

Über James Joyces „Ulysses“ und Lesegewohnheiten

Seit einigen Wochen ist es vollbracht, mein großes Leseprojekt von 2018. Das Buch, das jetzt schon fast 5 Jahre auf meiner „Noch zu Lesen“-Liste stand, ist bezwungen. Und es lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück, die mich zu dieser etwas ausgedehnteren Reflexion geführt haben.

Ulysses ist ein 1922 erschienener Roman des irischen Schriftstellers James Joyce, in dem der Protagonist Leopold Bloom für den Tag des 16. Juni 1904 bei seinem Alltag in Dublin begleitet wird. Der Roman gilt als richtungsweisend, weil er neben einer äußeren Beschreibung der Handlung auch moderne Techniken wie den Bewusstseinsstrom als zentrale Stilmittel einsetzt.

Und viel mehr lässt sich eigentlich über das Buch gar nicht sagen, ohne direkt in Details zu den einzelnen Kapiteln zu gehen. Dennoch möchte ich zunächst etwas allgemeiner ansetzen, denn: Für mich war das Leseerlebnis von Ulysses ein permanenter Wechsel zwischen „anstrengend“ und „großartig“. Warum das so ist, möchte ich jetzt ergründen.

Telemachie

Was hat Ulysses für mich also lesenswert gemacht? Ohne mir da jetzt zu viel anmaßen zu wollen, glaube ich, dass es der Teil ist, an dem der Autor auch das meiste Interesse hatte: Das Buch ist eine unglaublich dichte Erzählung und reich an Facetten einer nur angedeuteten, größeren Welt. Wie Joyce selbst sagt:

I want to give a picture of Dublin so complete that if the city one day suddenly disappeared from the earth it could be reconstructed out of my book.

Gerade aus heutiger Sicht fand ich den Blick aus dem Inneren des Alltags dieser Zeit ganz spannend, weil… Man hat so grob ein Gefühl dafür, wie die Leute im Mittelalter gelebt haben müssen,1 und auch, wie es zum Beispiel in den 70ern gewesen sein muss. Aber 1904? Keine Ahnung, was da war. Die Zeit direkt vor dem ersten Weltkrieg ist in dieser Hinsicht eine große Lücke im Geschichtsunterricht.

Neben dem Setting zeigt Joyce ein großes Interesse an den Charakteren, die dem Leser im Laufe des Tages begegnen – an ihrem Charakter und ihrer Entwicklung. Dazu passt, dass viele von Ihnen offenbar auch in früheren Werken des Autors auftreten, allen voran der Kurzgeschichtensammlung „Dubliners“, von der Ulysses ursprünglich ein Teil werden sollte.

Aus meiner Sicht jedoch das Faszinierendste ist der selbstauferlegte Fokus auf eine strikte Form, der das Buch und seine Kapitel inhaltlich und insbesondere stilistisch genügen müssen: Zunächst einmal spiegelt jedes der 18 Kapitel eine Episode aus der berühmten Odyssee von Homer wieder, nur dass hier nicht Odysseus durch die Ägäis, sondern Bloom durch Dublin „irrt“, wobei die Charaktere in Joyces Werk teils wechselnde Rollen aus der Odyssee einnehmen.

Und dann hat jedes Kapitel seine eigene, ganz besondere Textform: Ein Kapitel verzichtet auf jegliche Interpunktion und besteht im Grunde nur aus 8 sehr langen Absätzen ohne Punkt und Komma. Ein Kapitel ist in Zeitungsfetzen verfasst. Ein Kapitel ist ein surreales Theater, das einem Drogenrausch gleicht. Und ein Kapitel macht die komplette Entstehung der englischen Sprache aus ihrer Urform bis zum Stand im Jahr 1904 mit.

Nicht zuletzt ist der Roman, so gibt der Autor selbst zu, eine einzige Metaphernschlacht:

I’ve put in so many enigmas and puzzles that it will keep the professors busy for centuries arguing over what I meant, and that’s the only way of insuring one’s immortality.

Es gibt sogar eine Deutungstabelle, in der zu jedem Kapitel zentrale Metaphern genannt werden.2

Und prinzipiell fasziniert mich so etwas total. Letztendlich versuche ich das mit meinen eigenen kreativen Texten nämlich auch: Ich setze mir selbst eine (sprachliche) Form, die ich dann mit möglichst vielen Metaphern und Anspielungen sinnvoll zu füllen versuche. Dieses Prinzip auf mehreren Hundert Seiten in seiner ultimativen Form ausgelebt zu sehen, ist einfach großartig und furchtbar bewundernswert.

Odyssee

… Aber eben auch unglaublich anstrengend zu lesen.

Ich bin erst nach monatelanger Verzweiflung und etwa auf einem drittel des Buches auf die Idee gekommen, das Internet um Hilfe zu fragen. Und das meiner Meinung nach hilfreichste Video, „5 Tips for Reading Ulysses by James Joyce“ eröffnet gleich so:

First of all, why… are you reading this book?
James Joyce is one of the most pretentious and frustrating literature figures of all time. I really don’t enjoy him.

Welch aufbauende Worte!

Aber in der Tat, so viel hatte ich eigentlich zu dem Zeitpunkt schon gelernt: Man muss sich Mühe geben, wenn man durch das Buch kommen möchte. Man muss sehr konzentriert lesen, am besten ohne Ablenkung und die einzelnen Kapitel möglichst am Stück (neben der Wikipedia-Zusammenfassung inklusive Deutungstabelle jeweils vorher und nachher). Ich habe das Buch in einem Anflug von Selbstüberschätzung natürlich im englischen Original als E-Book gelesen3 und dachte, ich wäre besonders schlau, weil ich ja dann für alle mir unbekannten Wörter mit einem Fingertipp eine Übersetzung bekommen würde.

Habe ich gedacht.

Leider kannte mein E-Book-Reader einen großen Teil der mir unbekannten Worte selbst einfach gar nicht, und ich befürchte inzwischen, dass Joyce sich diese fiesen Wörter oft einfach selbst ausgedacht hat, weil sie cool klingen oder halb lateinisch oder griechisch sind, oder weil sie einfach kontemporärer irischer Slang waren.

Daher war es, selbst wenn man sich zum Lesen aufgerafft hatte, oft so ermüdend und anstrengend, dass man das Buch dann doch beiseite gelegt und sich zu Netflix gewendet hat. Ich habe 2018 nicht viel anderes gelesen als diesen Roman – er hat mich echt blockiert.

Das ist erst mit einem zentralen Trick aus dem oben genannten YouTube-Video besser geworden: „Tip #4: Listen to the audiobook version as you’re reading“. Dankenswerterweise wird gleich eine Online-Fassung auf Archive.org verlinkt, sodass man damit gleich anfangen kann. Und dieses Hörspiel hilft unglaublich. Gesprochen ergeben viele der Wörter wesentlich mehr Sinn. Außerdem sorgen die unterschiedlichen Sprecher dafür, dass man die Bewusstseinsströme klarer den einzelnen Personen zuordnen kann.

Am Ende des Romans war ich ein bisschen erleichtert. Ich hatte es geschafft! Ich war jetzt frei! Und dann ist es mir bewusst geworden: Ulysses war ein Buch, das ich gelesen haben wollte, nicht eines, das ich lesen wollte.


Ich habe da einen ganz persönlichen Lieblingsautor, den ich hier nicht unerwähnt lassen möchte. David Mitchell4 macht viele Dinge ähnlich wie Joyce: Er hat einen Fokus auf seine Charaktere, die auch gerne mal in seinen anderen Romanen Gastauftritte haben. Er experimentiert mit der Form seiner Romane: ineinander geschachtelte Tagebücher/Krimis/Briefwechsel/Fabeln in Cloud Atlas, unangekündigte montageartige Einschübe vom Protagonisten erdachter Tagträume in jedem Kapitel in number9dream, …

Aber eben auch eine klare Handlung. „I’m a man of plot and character“, wie er selbst sagt. „and“.

Und hier wird für mich der Unterschied deutlich: Der Handlungsfokus fehlt bei Ulysses. Vielleicht ist gerade das das Ziel des Romans: Beschreibe einen normalen Tag in Dublin – da passiert halt nichts wirklich essentiell Bedeutendes. Jedoch finde ich, dass gerade hier ein Unterschied zum Quellmaterial besteht, auf das sich Joyce beruft: In Homers Odyssee will Odysseus nach den langen Jahren des Krieges in Troja nach Hause, und das möglichst lebend und möglichst schnell. Bei Joyce wandert Bloom hingegen einfach ziellos hin und her und kommt halt irgendwann am Ende zu Hause an.

Vielleicht entgeht mir hier irgendein tieferer Sinn, eine höhere Einsicht, die der Autor hatte, dass die Welt nicht geradlinig ist und nur mit einer Lektion, die man lernen kann. Aber ich glaube, es wäre mir wesentlich leichter gefallen, Ulysses zu lesen, wenn ich gewusst hätte, dass der Roman und seine Handlung auf irgendetwas hinauslaufen, das nicht bloß reine Kunst ist.

Das ist in anderen Medien ja ähnlich, wenn es z.B. Filme mit (platter) Handlung gibt, und solche, die als Kunst aufgefasst werden wollen – nur sind die dann tendenziell eher mal am Stück konsumierbar, im Gegensatz zu den ~700 Seiten Ulysses, bei dem schon einzelne Kapitel in der Hörbuchfassung die 4-Stunden-Marke knacken.

Nostos

Was ist seit dem Ende von Ulysses passiert? Ich habe innerhalb einer Woche gleich zwei Bücher sprichwörtlich verschlungen: Den aktuellen Dan Brown-Roman und John Greens Turtles All the Way Down. Inzwischen bin ich auch durch meinen dritten Roman des Jahres durch – alles in Kontrast zu dem einen Buch, das ich 2018 geschafft habe. Doch diese Bücher haben eins gemeinsam: Es sind Bücher, die ich wirklich lesen wollte, nicht bloß gelesen haben.

Das sind Bücher, die man auch mal in kleineren Abschnitten lesen kann – auch wenn man es genau dann paradoxerweise nicht tut und (aus unterschiedlichsten Gründen gefesselt) bis weit nach Mitternacht liest.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das als guten Vorsatz für 2019 und darüber hinaus mitnehmen möchte: Nur noch Bücher lesen, bei denen ich mich am Prozess des Lesens explizit freue. Ich glaube, das wäre zu einfach. Ich glaube, da würde ich viel verpassen – einfach, weil ich auch noch eine ordentliche Liste an Büchern habe, die ich wegen des Gelesen Habens lesen will.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Essay darüber gelesen, dass wir „falsch“ lesen – zu wenig selektiv, zu wenig gründlich. Auf die Frage nach Lesekriterien geht es nicht ein. Aber es endet mit einem Argument, das ich für mich annehmen möchte:

Wenn Sie noch jung sind, sagen wir im ersten Drittel Ihres aktiven Leselebens, sollten Sie so viele Bücher verschlingen wie möglich – Romane, Kurzgeschichten, Lyrik, Sachbücher aller Couleur, wild durcheinander und ohne Rücksicht auf Qualität. Lesen Sie sich voll.

Ich weiß, ich werde diesem Satz nicht im Geringsten gerecht. Aber ich denke, er ist ein guter Ausgangspunkt – und ein sinnvoller (wenn auch Mitte Februar leicht verspäteter) guter Vorsatz für 2019.


  1. Vielleicht ein bisschen romantisiert durch Kinderbücher, aber zumindest existiert ein Gefühl.
  2. So hat jedes Kapitel etwa seine eigene „Wissenschaft“ und „Farbe“ – und es schadet nicht, vorher zu wissen, welche das im nächsten Kapitel sein wird, damit man beim Lesen ein Auge darauf haben kann.
  3. Da das Werk inzwischen Teil der Public Domain ist, kann man es sehr bequem kostenlos herunterladen – die University of Adelaide hat zum Beispiel die Fassung, die ich verwendet habe.
  4. Zu dem ich beispielsweise hier bereits etwas geschrieben habe.

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